Archiv für August 2012

„Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“

Robert Stadlober liest und spielt Mihail Sebastians Tagebücher 1935-1944

Die erst vor we­ni­gen Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten Ta­ge­bü­cher von Mi­hail Se­bas­ti­an er­hiel­ten be­geis­ter­te Kri­ti­ken u.a. von Phi­lip Roth, Ar­thur Mil­ler und Clau­de Lanz­mann. Ro­bert Sta­del­o­ber, Tho­mas Eber­mann und Bert­hold Brun­ner haben eine sze­ni­sche Le­sung aus den Ta­ge­bü­chern er­stellt. Se­bas­ti­an schil­dert ein­drucks­voll die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se der 30er und 40er Jahre in Ru­mä­ni­en. Als Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, Autor und Über­set­zer in der Künst­le­rIn­nen­sze­ne von Bu­ka­rest er­lebt er die Zu­spit­zung der an­ti­se­mi­ti­schen Pro­pa­gan­da und den Ter­ror der fa­schis­ti­schen „Ei­ser­nen Garde“. Ei­ni­ge sei­ner engen Freun­dIn­nen wer­den zu über­zeug­ten An­hän­ge­rIn­nen des Fa­schis­mus.

Mi­hail Se­bas­ti­an be­schreibt die sich stei­gern­den an­ti­se­mi­ti­schen Maß­nah­men der Re­gie­rung des Mar­schalls An­to­ne­scu mi­nu­ti­ös, von der Er­hö­hung der Mie­ten für Jü­din­nen und Juden und der Be­schlag­nah­me sei­ner ge­lieb­ten Ski und des Ra­dio­ge­räts, bis zu den Raz­zi­en und De­por­ta­tio­nen. Die Ta­ge­bü­cher bie­ten einen Blick in den All­tag aus Dis­kri­mi­nie­rung und Furcht, aber auch in Mo­men­te der Hoff­nung und li­te­ra­ri­scher Lei­den­schaft.

Stim­men zu den Ta­ge­bü­chern von Mi­hail Se­bas­ti­an:

„Wie in allen gro­ßen Wer­ken der Li­te­ra­tur er­zeugt Se­bas­ti­ans Ta­ge­buch eine ei­ge­ne Ak­tua­li­tät. Es heute, mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert nach sei­ner Ent­ste­hung, zu ent­de­cken und zu lesen, ist ein er­schüt­tern­des und über­wäl­ti­gen­des Er­leb­nis.“ Clau­de Lanz­mann

„Die­ses Ta­ge­buch ver­dient es, neben das von Anne Frank ge­stellt zu wer­den und ge­nau­so viele Leser zu fin­den.“ Phi­lip Roth

„Die­ses Buch lebt, es zeugt von einer Seele vol­ler Me­schlich­keit, aber auch von der wach­sen­den Bru­ta­li­tät des letz­ten Jahr­hun­derts, die sich vor Se­bas­ti­ans Augen ent­fal­te­te.“ Ar­thur Mil­ler

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Freitag, 28.09.2012, 20.00 Uhr, Kafe Marat (Thalkirchnerstraße 102)

Infoveranstaltung zur Kampagne “Rassismus tötet”

Die Initiative “Rassismus tötet” lädt ein zu einer Informationsveranstaltung zum Thema

“Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen – 20 Jahre danach”

Es werden die gesamtdeutsche Katerstimmung Anfang der 90er Jahre beleuchtet und der Ablauf des Pogroms geschildert. Der Zusammenhang zwischen der Eskalation der Gewalt auf der Straße und der Abschaffung des Asylrechts im Jahr darauf soll herausgearbeitet werden. Auch soll die Verbindung zu den aktuellen NSU- und Sarrazin-Debatten genauso in den Fokus gerückt werden wie der momentane Diskurs um die Opfer von rassistischer Gewalt.

Die Veranstaltung mobilisiert zur bundesweiten antirassistischen Demonstration nach Rostock am 25.8. Weitere Informationen unter rassismus-tötet.de und am 17.08.2012 um 19.00 Uhr im Bayerischen Flüchtlingsrat (Augsburgerstr.13)

AUFRUF DER ANTIFA NT

The only good nation is imagination

Am 3. Oktober lädt die bayerische Staatsregierung anlässlich des Tages der deutschen Einheit die Fans der Nation zum „fröhlichen Fest in Schwarz-Rot-Gold unter dem weiß-blauen Himmel Bayerns“. Eine Einladung, die wir getrost ausschlagen.

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[luzi-m] Auf „zur lustvollen Nestbeschmutzung am 3. Oktober“

Zum „Einheitsfeiertag“ am 3. Oktober 2012 ruft ein Bündnis zur Demonstration gegen die zentralen Feierlichkeiten in München auf.

No ♥ for a deutschland

München. Die zentralen „Einheitsfeierlichkeiten“ zum „Tag der deutschen Einheit“ finden heuer in München statt, da Bayern in diesem Jahr den Vorsitz im Bundesrat inne hat. Die Folge: die Staatsregierung plant ein „gewaltiges Fest“ am 2. und 3. Oktober rund um den Odeonsplatz, mit „der gesamten politischen Führung der Republik und 1500 offiziellen Gästen“, so die „Süddeutsche Zeitung“. Eine Woche lang soll dafür laut „Münchner Merkur“ die Ludwigstraße gesperrt sein. Weit mehr als 2,5 Millionen Euro soll der Irrsinn kosten.

Mit Zipfelbund und Gottesdienst

Horst Seehofer (CSU), der mit seinen Parteifreunden schon seit Monaten einen nervenden ressentimentgeladenen Wahlkampf führt, begründet den Aufwand mit der typisch bayerischen GroßMANNssucht, wie aus dem“merkur“ hervorgeht:

„Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will ordentlich auftischen. Er war im Oktober 2011 bei der großen Einheitsfeier, die Nordrhein-Westfalen mit der damaligen Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft (SPD) in Bonn organisierte – für Seehofer der Maßstab. „Das war ein halbes Stadtviertel, nicht nur ein 15-Mann-Zelt. Da kann doch Bayern nicht zurückstehen, ich bitte Sie!“, so Seehofer zu unserer Zeitung. „Wir finanzieren die anderen Länder, und die präsentieren sich dann besser als wir?!“ Soweit soll es nicht kommen.“

Präsentieren dürfen sich aber auch die anderen Bundesländer, die „Verfassungsorgane“ und die Regionen (z.B. der „Zipfelbund“), gas ganze mit Gottensdienst und Fressen aus allen Ecken der Nation. Bei soviel Trara zeigt sich der Staat seinen Untertan_innen gegenüber großzügig: aus jedem Bundesland bekommen 15 von ihnen Freimarken für ein Wiesenzelt.

Sorgen machen sich die Veranstalter_innen laut „SZ“ noch um die Sicherheit der Repräsentant_innen, die von der Michaelskirche nach dem Gottesdienst zu Fuß zur Oper laufen sollen.

„’schlaaaaaaaaaaaaaaaand!“

Das „offizielle Deutschland“ hat einigen Grund zum Feiern. Angesichts der Eurokrise steht die „deutsche Wirtschaft“ immer noch gut da und die deutsche Regierung presst dem europäischen Süden ein Sparpaket nach dem anderen ab. Bayerns Wirtschaftsminister Söder will an Athen „ein Exempel statuieren“ und das ist nicht allein dem Landtagswahlkamf geschuldet. Und wenn die SPD ganz zaghaft und leise um „Umverteilung“ bittet, appelliert sie an einen „sozialen Patriotismus“.

Das Land gilt als Exportweltmeister“, ist drittgrößter Waffenexporteur, auch in Länder wie Saudiarabien und Katar. Knapp 7000 deutsche Soldat_innen sind mit parlamentarischem wie bundespräsidialem Segen in zehn Ländern und Regionen im Einsatz, außerdem knapp 350 Polizist_innen, die weitere Polizist_innen ausbilden sollen.

Weitgehend durch so genannte „sichere Drittstaaten“ von Migration abgeschottet, kann das Land die noch durchgekommenen Flüchtlinge abschieben, auch in Länder wie Syrien, Afghanistan, den Kosovo oder Iran.

Während sich das Land – zum Beispiel durch seine Auslandsvertretungen des „Goetheinstitutes“ – nach außen als Vorreiterin in Sachen Gleichstellung von Frauen, Homosexuellen, Transpersonen, Migrant_innen und Behinderten feiert, passiert zuhause in Sachen Gleichstellung so gut wie gar nichts.

Wiel viele in all dem keinen Grund zum Feiern sehen, hat sich ein Bündnis verschiedener Gruppen zusammen geschlossen, um „für die Dissonanzen im Loblied auf den globalen Friedensstifter“ zu sorgen. Unter dem Motto „No ♥ for a deutschland“ ruft das Bündnis zu Gegenaktivitäten auf. Deutschland, so das Bündnis sei und bleibe „genau wie jede Parteilichkeit mit dem eigenen nationalen Kollektiv und bereits das Konzept der Nation an sich […] scheiße und widersprechen absolut unserer Vorstellung eines schönen Lebens.“

Daher laden die Unterzeichnenden „alle denen das dummdeutsche Selbstgefeiere auf den Geist geht zur lustvollen Nestbeschmutzung am 3. Oktober in München ein.“